Sich selbst und das Gärtnern besser verstehen für mehr Sinn und Freude im Garten

Rund 35 Millionen Deutsche haben einen Garten. Davon will die eine Hälfte gerne mehr im Garten arbeiten und die Andere mehr entspannen. Nicht umsonst ist unser Kurs „Gärtnern für intelligente Faulpelze“ immer voll ausgebucht. Eines jedoch haben wir Gartenbesitzer immer gemeinsam: Wir sind gerne draußen! Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem man sich so frei Bewegen kann, wie im eigenen Garten.

Gärtnern kann ein Abenteuer oder eine Belastung sein. Wie wir das wahrnehmen bestimmt unser Kopf. Alles hat Einfluss darauf wie wir uns im Garten verhalten und fühlen: Social Media, Zeitschriften, die Nachbarn, die Familie, Freunde, die Umgebung, Hobbys, der Job. In diesem Artikel beleuchte ich das Gärtnern an sich und was es mit unserer Psyche anstellt. Macht Gärtnern automatisch glücklich? Ist Gartenarbeit Sport oder Mord? Woher kommt der Wunsch nach einem Garten eigentlich? Warum ist Social Media Fluch und Segen für meine Träume? Ist das normal das mir Unkraut so auf den Keks geht?

Ich werde auf positive Aspekte des Gärtnerns eingehen, aber auch keine Schattenseiten verstecken. Dafür habe ich sogar mit einem Gartentherapeuten gesprochen und ihn nach seinem eigenen Garten gefragt. Du wirst feststellen das auch er, genau wie du und ich, seine Probleme und Aufgaben hat an denen er stetig wächst. Bereit für eine Reise durch das Paradies im Kopf?

🙂

Gärtnern kann eine ganze Menge Gutes in dir auslösen: Hier werden alle deine Sinne angesprochen. Spaß, Genuss und Bewegung lassen sich im Garten leicht umsetzen. Du kannst dich im Garten mit der Natur verbunden fühlen und Stress reduzieren, um dich wieder zu entspannen. Du kannst im Garten deine sozialen Netze pflegen, denn was gibt es Schöneres als gemeinsam draußen zu grillen. Du kannst sogar dein Selbstwertgefühl steigern, denn mit coolen neuen Pflanzen, neuem Wissen oder schönen Beeten darf man immer stolz sein. Gärtnern kann dir Selbstbestimmung zurück geben und dir ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit geben, wenn du sie brauchst. Gärtnern kann ein Teil deiner Identität werden und Ausdruck deiner Individualität.

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Gärtnern kann man sich aber auch zur Belastung machen, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht gedeckt werden. Ein Thema das viel zu selten angesprochen wird, schließlich passt das ja auch nicht ins Bild der heilen Welt, die einem ein Garten verspricht. Den Spruch: „Ein eigener Garten? Nein danke, das wär mir zu viel Arbeit“, oder „ich habe einfach keinen grünen Daumen“ haben wir sicher alle schon mal gehört oder selbst verwendet. Kein Wunder. Denn jeden Tag sehen wir auf Social Media und in Zeitschriften wie der vermeintlich „perfekte“ Garten aussehen soll, aber die eigene Realität sieht völlig anders aus. Dazu kommen tausende „gut gemeinte“ Ratschläge wie z.B. YouTube Videos mit dem drohenden Titel: „Die zehn größten Fehler die du machen kannst!“ Na vielen Dank auch. Gärtnern kann frustrieren und ist bei weitem nicht so leicht wie es in der Werbung heißt. Eine Pflanze geht ein wenn ihr zu heiß ist, wenn ihr zu kalt ist, wenn sie zu nass ist, wenn sie zu trocken ist, zu viel gedüngt wird oder zu wenig. Wir werden stetig mit dem Scheitern konfrontiert. So ist es im Leben, wie in der Natur.

Darum ist es wichtig, sich mal darüber Gedanken zu machen, welche Art von Mensch/Gärtner man eigentlich ist und welche Träume man im Garten verwirklichen möchte um damit glücklich zu sein.

Mein Name ist Rebekka und ich gärtnere seit gut 20 Jahren, denn ich hatte das Glück, dass wir immer einen großen Garten hatten. Meine Mutter hat mit dem Paradiesgarten aus einem Hobby unseren gemeinsamen Beruf gemacht. Wir sind für den Traum der Selbstbestimmung und der Selbstversorgung sogar 800km umgezogen. Inzwischen spielt sich unser Gartenleben auf 1 Hektar Land ab. Da muss man wissen was man tut und was man will, denn leider hab auch ich kein Rezept wie man aus 24 Stunden 36 macht 😉

Das Gärtnern ist also Teil meines Lebens und wie jeder andere Mensch auch, hatte ich so meine Höhen und Tiefen, aus denen ich etwas gelernt habe. Deshalb möchte ich dich ein Stück in die Psyche von Gärtnern mit nehmen. Denn etwas, was ich meinen Seminarteilnehmern immer wieder sage, ist: Intelligentes Gärtnern beginnt bereits im Kopf.

Gartenkurs Gartenarbeit erleichtern

Dabei meine ich nicht nur die Planung eines Gartens, sondern wie wir uns im Garten und in der Natur verhalten. Wenn man verstanden hat warum man etwas tut, kann man es viel leichter verstärken, abschwächen oder gar ganz lassen, je nach dem was einem gut tut und einen glücklich macht. Hierbei wird auch immer wieder der bekannte Autor und Gartentherapeut Andreas Niepel zu Wort kommen, der sich tagtäglich für die Gesundheit von vielen Menschen einsetzt:

Lieber Andreas, gärtnern macht nicht automatisch glücklich. Warum ist das so?

„Wie bei so vielen Sachen ist es erstens nicht das „Was“ sondern das „Wie“ das entscheidende. Bewegung und Sport sind beispielsweise gut für den Rücken – aber nicht automatisch: Niemand würde nach einem Bandscheibenvorfall mit dem Gewichtheben anfangen. Musik ist gut zur Entspannung, aber nicht jeder kann das wirklich bei Metallica. Ersterer sollte es vielleicht besser mit Pilates versuchen und letzterer mit Bach, oder auch Nick Cave. Ja und sicher gibt es sogar die, denen tatsächlich Metallica hilft. Und so gilt auch beim Gärtnern: Vorab zu klären wie bin ich? Was fehlt mir? Und was hilft mir dabei? Das Resultat ist dann, dass für den Einen der Kleingarten mit all seinen sozialen Inhalten perfekt ist, während es für den Anderen der pure Horror ist. Der eine will und soll Buddeln, während der Andere dann besser dort malt, Bücher liest oder Musik hört – meinetwegen auch Metallica.“

Die große WARUM Frage

Antriebsfedern gibt es viele, aber welche ist meine? Wenn mich die Gartenlust packt und ich mich total in der Gartenarbeit vergesse, stelle ich mir durchaus auch mal die Frage nach dem Warum. Warum habe ich gerade wie eine Besessene ein ganzes Feld umgebuddelt, bin verschwitzt, schmutzig und ausgepowert, anstatt wie jeder andere gemütlich auf dem Sofa zu liegen. Ganz einfach. Wenn ich ein neues Beet anlege bin ich stolz. Stolz auf das, was ich geschafft habe und ich kann es kaum erwarten meiner Familie und meinen Freunden zu zeigen was es Neues in unserem Garten gibt. Aber nicht nur das. Das auspowern verschafft mir eine Ausgelassenheit die das Sofa mir nicht bieten kann.

„Ein gelungener Abend ist für mich mit schmutzigen Füßen, wirrem Haar und strahlenden Augen vom Garten zurück zu kehren.“ Instagram, Rebekka Maag

Stress und Gartenarbeit

Es gab eine Phase in meinem Leben, wo ich geistig sehr erschöpft gewesen bin. Ich dachte, ich müsste diesem Drang den Spaten zu schwingen widerstehen, um mich auszuruhen. Denn meine ganzen Projekte und die Gartenarbeit sind ja körperliche Anstrengung und ich war müde. Was ich leider viel zu spät verstand war, dass die Gartenarbeit gar nicht das Problem war, sondern psychischer Stress. Diesen Stress versuchte ich mit stillem Liegen wieder runter zu fahren. Die folge war, dass es mir kein bisschen besser ging. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer, bis ich mich Nachmittags nur noch lethargisch vor den Fernseher setzte, um mich berieseln zu lassen. Das herumlungern signalisierte meinem Körper Depressiv zu sein. Ein Teufelskreis.

Es dauerte ganze Weile, bis ich meine Höhle wieder verließ und begriff, dass das übermäßige Ausbremsen und unter Kontrolle bringen von Dingen die ich Liebe und die mich geistig sowie körperlich fordern, nicht die Lösung ist um Stress zu verhindern. Zum Glück war das keine echte Depression. Aber hätte ich das damals schon gewusst, hätte ich wohl eine sehr viel schönere Zeit verbringen können als wie vor dem Fernseher. Pausen sind richtig und wichtig, Weiterentwicklung und in Bewegung bleiben aber auch.

Bewegung ist gesund für Körper und Geist. Wenn wir uns dabei noch in der Natur bewegen und etwas Sinnvolles tun um so mehr.

Jeder von uns kennt Situationen in denen man gerne in der Zeit zurück reisen würde um seinem alten Ich mal ein paar Tipps zu zu flüstern. Aber das müssen wir gar nicht. Fehler machen gehört eben dazu und wir haben alle die wunderbare Gabe, dass wir von ihnen lernen können.

„Der größte Fehler den man im Garten machen kann, ist nicht mit dem Gärtnern anzufangen.“

Meine liebste Gartenarbeit? Ich robbe auf allen vieren durch meinen Mais und Suche nach Gras.

In den Kursen liegt mir besonders das Wohl der Teilnehmer am Herzen. Damit meine ich nicht nur, das leckeres Gartenessen auf dem Tisch steht. Sondern dazu gehört auch das „Psychische Gleichgewicht“, wie ich das, seit dem Buch Wohlfühlgärtnern von Andreas, immer nenne. Ich möchte das man Spaß am Gärtern hat! Völlig egal wie dieser am Ende aussieht.

Lieber Andreas, was ist dein innerer Antrieb? Warum tust du das was du tust? Einfach frei raus!

„Wenn du dieses Engagement fürs Gärtnern und die Gartentherapie meinst, dann ist das sicher der Wunsch Dinge verändern zu können, etwas wachsen zu lassen. Womit wir schon wieder ein gärtnerisches Bild hätten und „Wachsen“ ist halt wichtig für mich. Dazu kommt: Ich treffe ja regelmäßig Menschen – ob virtuell oder real, die mittlerweile den Garten für das Wohl Anderer nutzen: Therapeuten, Sozialarbeiter und so weiter. Und nicht wenige machen das besser als ich. Aber, dass einige überhaupt erst auf diese Idee gekommen sind, weil ich hier und da dafür geworben habe, das fühlt sich gut an. Kurzum, es ist auch eine gute Spur gesunde Eitelkeit dabei. Kann ich aber mit leben.“

Falsche Vorstellungen

Ich begegne gerade in den Gartenanfänger Kursen Leuten, die nahe zu ehrfürchtig ihrem neuen Hobby entgegen treten. Sie sehen all die Zeitschriften mit perfekten Gartenfotos, die Nachbarn die seit 30 Jahren ihren idealen Vorgarten perfektionieren oder Gartenparks in denen pro Quadratmeter 5 Ausgebildete Gärtner drüber rennen, damit auch ja kein Grashalm in den Stauden steht. Der Druck ist enorm, man möchte dem schließlich irgendwie gerecht werden! All die Fehler die man machen kann und Millionen von Tipps wie man dies und jenes besser macht. Eine wahre Flut an Informationen die einem da entgegen schwappt. Hier steckt großes Potential einfach alles wieder hin zu schmeißen. Klar, wer hätte da keine Angst vor dem Versagen. Verständlich oder? Dabei ist doch eigentlich nur eines entscheidend. Du selbst! Nicht dein Nachbar. Nicht der Gartenpark. Nur du selbst. Ich rede nicht von Egoismus, sondern von deinem SelbstWERT. Ständiges vergleichen kann weh tun. Geht mir nicht anders. Ich sitze auch vor dem Handy und sehe mir Gärten an, um mir Inspiration zu holen.

Grade in Zeiten von Social Media solltest du das Handy weg legen, wenn ein Bild Druck auf dich ausübt oder dir einen Stich versetzt. Sich mit anderen zu vergleichen ist menschlich und gesund. Unter Vergleichen zu leiden nicht.

Mir blutet das Herz wenn mich jemand mit großen Augen ansieht und zu mir sagt: „so einen schönen Garten wie du werde ich nie haben.“ oder „Ich bin ja kein Profi wie du.“. Denn ich weiß wie sich das anfühlt. Diese Leute nehme ich dann lachend mit in meine Unkrautecken und oh ja, davon habe ich eine ganze Menge. Die Erleichterung darüber, dass auch ich mal unzufrieden bin, etwas umgestalten muss weil es nicht geklappt hat, oder einfach das die Stauden noch nicht zurück geschnitten sind weil ich keinen Bock hatte, kann ich in diesen Momenten gerade zu greifen. Denn ja, dass ist die Realität. Nicht dass, was ein einzelnes Foto zeigt. Du kannst nie wissen was der Andere dafür alles tun musste, um so einen Stand im Garten zu erreichen. Es sind Momentaufnahmen die nur wenige Tage, ja manchmal nur Minuten halten.

Wie bei diesem Blütenmeer unter meinem Rhododendron. Dieses Bild konnte ich bisher nicht wiederholen. Was mir bleibt ist dieses Foto und die Erinnerung an diesen schönen Moment. Ein Garten verändert sich stetig. Wie meine Mutter immer so schön zu sagen pflegt: Ein Garten ist kein Gemälde das einmal gemalt für immer so bleibt. Aber was ist ein Garten eigentlich?

Ein Garten ist keine Natur. Ein Garten ist ein vom Menschen künstlich geschaffener Ort, der eine idealisierte Natur darstellt. Um dieses idealisierte Bild zu erhalten benötigt es Eingriffe des Menschen. Hier wird also gepflanzt, gemäht, Unkraut gezupft, gewässert, Schädlinge bekämpft und geschnitten. Wenn nicht, wird es Natur werden.

Das Ich, die Natur und das Gehirn

Für den Menschen hat die Natur eine mehr als große Bedeutung. Wir sind ein Teil davon, auch wenn der moderne Mensch zu glauben scheint das es nicht mehr so ist. Rein evolutionär gesehen ist der Mensch von heute nur einen kurzen Augenblick in Großstädten zuhause. Bewegt sich der Mensch in der Natur klingt in ihm sofort ein positives Gefühl an. Es ist sehr viel wahrscheinlicher in der Stadt an psychischen Krankheiten zu erleiden als auf dem Land. Das geht so weit das man in gewissen städtischen Umfeldern von einer lebensfeindlichen Umgebung spricht. Darum sind gerade für Städter der Ausflug in den Park, der Balkon oder der eigene Kleingarten besonders erholsam und wichtig.

Opa mit 83 auf der Schaukel.

Allein der Ausblick aus dem Fenster ins Grüne ist nachweisbar beruhigend und sogar schmerzlindernd wie Andreas in seinem Buch erzählt. Ich selbst erlebe das Naturbedürfnis am eigenen Körper wenn es längere Zeit regnet. Um so länger mir die Sonne fehlt um so reizbarer und müder fühle ich mich. Ich beschreibe mich deshalb gerne als Solar betriebener Mensch.

Vor gut hundert Jahren hat Pädagogin Charlotte Manson gefordert das sich Kinder 4-6 Stunden pro Tag draußen bewegen sollten. Heute zeigen Statistiken bei Kindern in der USA das sie im Schnitt nur noch 4-7 Minuten draußen sind. (Quelle: Wohlfühlgärtnern)

Lieber Andreas, hast du einen eigenen Garten? Wie ist dein Garten für dich?

„Ich hatte einen, oder besser gesagt mehrere. Am liebsten erinnere ich mich noch an meinen Ersten. Der war gerade mal grob 20 Meter lang und vielleicht 7 oder 8 Meter breit und war zuvor spannenderweise der Garten meines Opas. Den hatte ich dann mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau übernommen und irgendwie waren wir die totalen Dilettanten. Das Ganze hatte keinen Plan und auch wenig messbare Ergebnisse, aber im Rückblick war das der Garten, den ich am Ehesten mit dem Begriff „Spaß“ verbinden würde. Dann hatte ich zusammen mit meiner Frau für 10 Jahre einen Kleingarten, den wir just gekündigt haben. Irgendwie bekommen wir es zeitlich nicht mehr hin und interessanterweise kann ich aktuell das daraus resultierende Dilettantentum eben nicht mehr genießen. So verbleibt eine ein bisschen größere Terrasse, mitsamt eigenem Hochbeet. Für jemanden wie mich bedeutet Garten tatsächlich im Idealfall, wie für die Meisten auch: Ausgleich. Da aber das „Gärtnern“ an sich für mich kein Ausgleich sein kann – das tue ich ja den ganzen Tag in meiner Arbeit – ist er idealerweise eine Art Sonderort, wo ich beispielsweise malen, lesen oder Musik hören kann. Also mal was ganz anderes als sonst.“

Mein früherer Balkongarten (Rebekka) der mehr so ein kleines Kunstprojekt war.

Hohe Erwartungen

Muss ein Garten immer einen Sinn haben? Ziele im Kopf zu haben ist gut, wenn man vorran kommen möchte. Tatsächlich ist es so, dass alles war wir tun wollen, meistens auch einen Grund hat. So kann der Grund für einen Garten einfach der Wunsch nach Schönheit sein, der Wunsch nach Frieden oder der Wunsch nach Erfolgen. Also ja, ein Garten hat immer auch einen Sinn. Es ist nur die Frage welche Ziele erreicht werden wollen. Ziele die ich mir selbst stecke. Ob diese erreichbar sind oder nicht, liegt ganz bei mir. Bill Gates hat mal gesagt das viele Menschen überschätzen was sie in einem Jahr schaffen und unterschätzen was sie in einem Jahrzehnt schaffen.

Das Erwartungshaltungs-Management. Ziele zu haben ist gesund und wichtig. Ziele zu hoch zu stecken oder zu viele Ziele gleichzeitig anzustreben nicht.

Niemand in deinem Garten, außer du selbst, steht mit einer Peitsche hinter dir und fordert mehr Leistung von dir als du leisten kannst – und sollte das doch der Fall sein – schmeiß den Idioten von deinem Grundstück!

An diesem Punkt muss ich mir selbst auch immer wieder an der Nase ziehen, wenn ich zu viel auf einmal will. Anderen bringe ich bei es lockerer anzugehen aber meine eigenen Erwartungen an mich selbst können so übermächtig werden das sie mich überfordern. Zum Glück erkenne ich inzwischen schneller die Warnsignale wenn ich es übertreibe. Ärgen tut es mich trotzdem, dass ich immer wieder in die gleiche Falle tappe. Mein Vater sieht oft auf den 100 Jahre alten Hof der noch voller Arbeit steckt und betont dabei immer wieder: Es ist ein Prozess. Dabei grinst er meistens über beide Backen wenn er das zu mir sagt.

Also als Tipp von jemanden der sich selbst immer wieder daran erinnern muss. Mache die Projekte nicht zu groß und nicht alle auf einmal. Suche dir ein Lieblingsprojekt und fange erst Mal damit an. Beende es. Würdige es. Genieße es. Das macht das Gartenleben sehr viel schöner.

Lieber Andreas, gibt es etwas worüber du dich im Garten richtig ärgern kannst?

„Ich ärgere mich tatsächlich nicht selten im Garten. Und zwar über den Garten an sich, wie aber auch über mich. Der Garten nervt nämlich auch, und zwar dann, wenn er immer was will, wenn er mich nicht mal einen Monat in Ruhe lässt, ständig etwas von mir an Pflege und Arbeit verlangt. Ich weiß, ich weiß,- das hat alles seine positiven Seiten. Dennoch: Mich nervts manchmal auch… und das musste jetzt auch mal raus. Und ich ärgere mich über mich, weil es mir zunehmend schwerer fällt einen Garten, eine Pflanze einfach nur so zu sehen und zu genießen. Jemanden wie mir, der sich seit Jahren intensiv mit einem solchen Thema befasst, passiert es immer häufiger, dass man ständig Gärten analysiert: Ist das hier barrierefrei, was bedeutet diese Gestaltung, all so was. Einfach nur schauen und staunen habe ich mir ein Stück weit selber (leider) abgewöhnt. Das ärgert mich, insbesondere weil ich ja – mit dem Blick auf meinen ersten Garten weiß – dass es auch anders geht.“

Der Garten der Geduld

Eines Tages haben Opa und ich hier unseren Heidegarten.

Ich wünsche mir seit langem einen Heidegarten. Keinen kleinen, sondern einen richtig großen durch den man durch laufen kann. Aber ich habe nicht das Geld um mal eben über 200 Heidepflanzen auf einmal einzubuddeln. Würde mir auch gar kein Spaß machen. Also kommen jedes Jahr aus den Dekoschalen vor dem Haus und die Dekoschalen meiner Freunde in diesen Gartenteil. Es wird vielleicht 10 Jahre dauern bis dieser Teil fertig ist, aber ich freue mich über jede einzelne Pflanze die dazu kommt. Denn es sind gerettete Pflanzen und Geschenke. Ich stehe also vor meinen ersten 30 Pflanzen und erzähle freudestrahlend meinen Gästen, dass ich hier einen Heidegarten mache. Hier ist es die Vorfreude die mich glücklich macht.

Geduld ist ein großes Thema im Garten. In jedem, wirklich in jedem Gartenseminar das ich bisher miterlebt habe war mindestens ein Teilnehmer dabei der für sich festgestellt hat, dass er mehr Geduld mit sich und dem Garten haben sollte.

Das schöne ist, dass man Geduld lernen kann. Wir sind heutzutage gewohnt alles sofort haben zu können. Aber meistens kostet das. Entweder Krafteinsatz oder Geld. Die Natur lässt sich nicht überlisten.

Ein Hochstammapfel kann bis zu 10 Jahre brauchen bis er zum Vollertrag kommt. Wer nicht so lange warten will, kauft einen bereits erwachsenen Baum der schmerzhaft viel Geld kostet. Jetzt könnte man natürlich sagen haha! Dann kaufe ich halt eine Sorte die schneller trägt. Aber auch diese wird nicht im ersten Jahr tragen. Meistens auch nicht im Zweiten Standjahr. Man wird so viel an den Blättern ziehen können wie man möchte, die Pflanzen wachsen deshalb nicht schneller.

Lieber Andreas was ist für dich persönlich eines der wichtigsten Gartenthemen hinsichtlich der Therapie?

„Da würden mir direkt zwei einfallen. Einmal aus meiner Sicht als Gärtner die Frage, was denn dieses Jahrtausende alte Kulturgut des Gärtnerns für eine grundsätzliche Bedeutung für den Menschen hat. Ich will ja den Garten nicht neu für die Therapie erfinden, sondern ich will wissen, was es ganz grundsätzlich mit dem Menschen macht und wie man es dann optimal nutzen kann. Und zweitens aus Sicht des Garten-Therapeuten, wie denn dieses hochkomplexe Wesen Mensch so funktioniert, also analog zur Frage, was Pflanzen zum Wachsen brauchen, bzw. was dieser Mensch braucht. Beziehung, Bestätigung, Sicherheit und so weiter, weil das direkt dazu führt, wie man dann jemanden durch das Gärtnern quasi „düngen“ kann und in seinem Wachstum hilft. Wie gesagt, Wachstum finde ich spannend.“

Bild: Schon im Mittelalter der Wunsch nach einem Garten für den Genuss. Das Paradiesgärtlein, wahrscheinlich um 1410/1420 angefertigt.

Lernst du auch etwas von deinen Patienten? Und wenn ja, was war deine wichtigste Lektion?

„Eine Menge. Und wenn ich so drüber nachdenke, dann ist das nicht viel anders als das, was ich erwähnt hatte, als du mich gefragt hast, was ich in der Natur gelernt habe. Dabei ist wichtig: Ich habe es ja, wie viel meiner Kollegen, mit sehr schwer erkrankten Menschen zu tun. Schädel-Hirn-Taumen, Schlaganfälle, Hirntumore, allesamt Katastrophen. Dort jedoch oft zu sehen, mit welcher Kraft, ja mit welchem Willen diese Menschen der Katastrophe ihres Lebens begegnen, auch mit welchem Humor, das erdet und relativiert Vieles. Ich bin Tag für Tag davon fasziniert, wie kompliziert dieser Mensch so ist. Man kann sagen: ich als Gartentherapeut arbeite mit den zwei kompliziertesten Systemen zusammen, die wir überhaupt kennen: Der Natur und dem Mensch. Und das zusammenzubringen, das füllt mich einfach aus.“

Lieber Andreas, vielen Dank das du uns einen so ehrlichen und schönen Einblick in dein Leben und deine Arbeit gegeben hast! Es war mir eine große Freude dich ein wenig näher kennen zu lernen.

Das Buch über das Gärtner-Selbst

An dieser Stelle also ein Buchtipp von mir: „Wohlfühlgärtnern – Wie Gärtnern glücklich und zufrieden macht“ von Andreas Niepel, erschienen im Hogrefe Verlag. So zu sagen ein „Psychologie Grundkurs“ fürs Gärtnern.

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Für mich persönlich DAS Buch der letzten Jahre, dass mir viel zum nachdenken mitgegeben hat. Mein Exemplar ist gespickt voll mit Notizen und würde ich das hier alles wiedergeben was ich gut fand, müsste ich selbst ein Buch über das Thema schreiben. Wegen des Titels war ich mir unsicher, denn ich bin ja bereits glücklicher Gärtner. Meine eigene Mutter hat den Buchtitel „Gärtnern für die Seele“ verfasst (wir haben übrigens festgestellt, dass Andreas das Buch meiner Mutter im Regal hat 🙂 ). Aber da ich Andreas auf einem Vortrag erlebt habe, war ich mir sicher, dass ich sein Buch doch super interessant finde. Also habe ich mich um ein Rezensionsexemplar bemüht und wurde nicht enttäuscht. Einer der wichtigsten Aspekte, die ich für mich selbst entdeckt habe ist, dass mein Selbstwert stark mit meinem Garten verbunden ist und dass das völlig in Ordnung ist so. Klar, Selbstwert soll aus einem selbst entstehen, aber dazu gehört noch weitaus mehr.

In diesem Buch geht es also nicht darum, dass du jetzt mit deinen Tomaten zum Psychiater gehen musst (um Andreas zu zitieren), sondern um die Grundlagen eines gesunden Umgangs mit sich Selbst und der Natur. In seinem Buch beschreibt Andreas Gärtner Archetypen, also verschiedene Arten von Gartenbesitzern. In diesen Archetypen finden wir uns alle wieder. Während der eine gerne Gemüse anbauen möchte und einen kleinen Naschgarten will, möchte der andere üppige Staudenbeete und eine bunte Hängematte. Manche von uns möchten gleich alles und weißt du was? Das ist völlig in Ordnung! Wer Absolution sucht, endlich das zu tun, was er schon immer tun wollte, wird es im Garten finden und wenn es ein fettes Labyrinth aus Mais ist, dass zu Halloween dekoriert wird. Hauptsache es wird POSITIV gegärtnert:

Das System nachdem Andreas arbeitet.

P – Positve Emotionen
O – Oekologische Einbindung
S – Soziale Integration
I – Identität
T – Tonus-Regulierung
I – Intention
V – Verstehbarkeit

Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Ich könnte jetzt noch Stunden über das Thema schreiben. Aber ich denke das ist fürs Erste genug 😉 Ich freue mich wenn ich ein paar Einblicke und den ein oder anderen Gedankensämling pflanzen konnte! Viel Spaß beim lesen von Andreas Buch oder weiteren Artikeln von mir. Schreib gerne etwas in die Kommentare. Ich freue mich immer.

About Rebekka Maag

Hallo! Ich bin Autorin und Künstlerin. Hier im Blog schreibe ich für Dich über meine lieblings Bücher, Rezepte, DIY-Ideen und Gartentipps. Mehr über mich erfährst Du auf der Team Seite.

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